| Therapie von Gehirntumoren (Tenascin) | ||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||
Hintergrund Das zentrale Problem bei der Therapie von bösartigen Hirntumoren (malignen Gliomen)
stellen die Tumorrezidive dar, die in mehr als 80 % der Fälle in enger Nachbarschaft zum
Primärtumor entstehen. Als Ursache dieser Rezidivtumoren werden kleinste Tumorreste
in der Tumorrandregion oder in die peritumorale Umgebung „ausgewanderte“
Tumorzellen angesehen, die im Rahmen der mikrochirurgischen Resektion meist nicht zu
entfernen sind und von der nachfolgenden Strahlentherapie nicht vollständig zerstört
werden können. Aufgrund des lokal invasiven Wachstums, der fehlenden
Fernmetastasierung sowie der nahezu sicheren Rezidivbildung wird die
Radioimmuntherapie als eine innovative und vielversprechende Methode zur
gezielten Zerstörung lokaler Tumornester angesehen, die nach Standardtherapie
(Operation und Bestrahlung bzw. kombinierte Radiochemotherapie) additiv
durchgeführt werden kann. Wie wird die Radioimmuntherapie durchgeführt? Voraussetzung für diese lokale Therapieform ist das Vorhandensein eines Silikon-Reservoirs (Ommaya-Reservoir), welches unter der Kopfhaut liegt und mit einem dünnen Katheter verbunden ist, dessen Spitze mit kleinen Austrittsöffnungen versehen ist und in die Operationshöhle hineinreicht.
Dieses Reservoir kann durch die Haut mit einer dünnen Kanüle angestochen werden. Auf diese Weise kann Flüssigkeit aus der Operationshöhle abgezogen, es können aber auch Medikamente in die Operationshöhle hinein gespritzt werden. Die radioaktiv markierten Antikörper sind in wenig Flüssigkeit gelöst und werden über das Reservoir in die Operationshöhle gespritzt. Je nach Ansprechen auf die Radioimmuntherapie wird diese in mehreren Zyklen (geplant sind insgesamt drei Zyklen) durchgeführt. Die erforderliche Vordiagnostik und die Therapie werden im Rahmen eines etwa 5-tägigen stationären Aufenthaltes durchgeführt: Vordiagnostik:
Therapie: Zunächst erfolgt eine sterile Punktion des Ommaya-Reservoirs und es wird versucht, etwas Gewebeflüssigkeit aus der Resektionshöhle abzuziehen. Im Anschluss wird die Antikörper-Lösung langsam einspritzt, je nach Größe der Tumorhöhle wird mit 1 bis 2 ml Kochsalzlösung nachgespült. Der Patient bleibt dann 2 Stunden unter Beobachtung. Nach Therapie werden mehrfache Ganzkörperaufnahmen angefertigt, um den Verbleib der Therapiesubstanz zu dokumentieren (1,5h, 18h, 24h und 48h nach Therapie). Zusätzlich werden mehrfach Blutproben entnommen und der Urin über 48 Stunden nach Therapie gesammelt. Welche Nebenwirkungen kann die Radioimmuntherapie haben? Zu den bisher bekannten Nebenwirkungen gehören Kopfschmerzen, Übelkeit, Häufung von Anfallsereignissen, Zunahme der vorbestehenden neurologischen Symptomatik (Sprachstörungen, Wortfindungsstörungen, Konzentrationsstörungen, motorische Schwächen) und Veränderungen der Haut im Bereich der Injektionsstelle (Haarausfall über dem Reservoir, vermehrte Gefäßzeichnung). Denkbar ist auch eine Infektion des Reservoirs mit der damit verbundenen Gefahr einer Infektion in der Operationshöhle. Da die Patienten während und nach der Therapie regelmäßig untersucht werden, würde man bei Verdacht auf eine Entzündung im Bereich des Reservoirs dieses unverzüglich entfernen und eine medikamentöse Therapie mit Antibiotika beginnen. Da der Antikörperkomplex in geringem Maß auch über die Blutbahn in den Körper aufgenommen wird, kann es theoretisch zu einer Beeinträchtigung der Knochenmarkfunktion und damit der Blutbildung kommen. Bei einigen Patienten entwickeln sich im Blut humane Anti-Maus-Antikörper (=HAMA), die sich durch die Verabreichung von körperfremden Eiweiß (Tenascin-Antikörper) bilden können, die aber weitere Therapien nicht beeinträchtigen und keine allergischen Reaktionen hervorrufen. Es ist Vorsorge getroffen, dass bei allen Nebenwirkungen eine kompetente ärztliche Versorgung zur Verfügung steht. Welche Medikamente werden zusätzlich gegeben? Um eventuelle Nebenwirkungen zu vermeiden, werden parallel
zur Radioimmuntherapie Begleitmedikamente verabreicht. Zur Prophylaxe einer
eventuellen Hirnschwellung wird Fortecortin verabreicht. Da dieses Medikament
wiederum zu Magenbeschwerden führen kann, wird während der Fortecortin-Gabe
auch ein Magenschutz (Pantozol) gegeben. Um möglichen Krampfanfällen
vorzubeugen wird vor und während der Therapie Phenytoin gegeben (falls keine
eigene oder eine ungenügende (Medikamentenspiegel?) antiepileptische
Einstellung vorhanden!). Beide Medikamente werden nach der Therapie langsam
reduziert und abgesetzt. Am Tag der Therapie wird zusätzlich eine
Kopfschmerzprophylaxe (Nedolon P) durchgeführt sowie ein krampflösendes und
leicht beruhigendes Medikament (Frisium) verabreicht. Ein- und Ausschlusskriterien
Literatur: Pöpperl G, Götz C, Gildehaus FJ, Yousry TA, Reulen HJ, Hahn K, Tatsch K. Initial experiences with djuvant locoregional radioimmunotherapy using 131I-labeled monoclonal antibodies against tenascin (BC-4) for treatment of glioma (WHO III and IV). Nuklearmedizin 2002; 41: 120-8 Götz C, Riva P, Pöpperl G, Gildehaus FJ, Hischa A, Tatsch K, Reulen HJ. Locoregional radioimmunotherapy in selected patients with malignant glioma: experiences, side effects and survival times. J Neurooncol 2003; 62: 321-8 Götz C, Rachinger W, Pöpperl G, Decker M, Gildehaus FJ, Stocker S, Jung G, Tatsch K, Tonn JC, Reulen HJ. Intralesional radioimmunotherapy in the treatment of malignant glioma: clinical and experimental findings. Acta Neurochir Suppl 2003; 88: 69-75 Pöpperl G, Götz C, Rachinger W, Schnell O, Gildehaus FJ, Tonn JC, Tatsch K. Serial O-(2-[(18)F]fluoroethyl)-L: -tyrosine PET for monitoring the effects of intracavitary radioimmunotherapy in patients with malignant glioma. Eur J Nucl Med Mol Imaging 2006; 33: 792-800
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